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Mehringhof - Theater / Berlin
Kabarett - Comedy - Kleinkunst
Pressestimmen - Jockel Tschiersch

KABARETT
Tschiersch und sein schräges Typen-Kabinett
Samstag, 24. Januar 2009 02:06 - Von Ulrike Borowczyk

Jockel Tschiersch ist die Generation Patch einfach zuwider. Wenn er nur diese Patchwork-Weicheier sieht, diese Väter, die alle ganz, ganz lieb haben, dann glaubt er wieder an die unbefleckte Empfängnis.
- Er kann sich nämlich beim besten Willen nicht vorstellen, dass einer dieser Daddys je einer Frau ein Kind gemacht hat. Auch in anderen Familien sieht es ziemlich übel aus. Bei Tilmann und Annalena etwa und ihrem dicken Sohn Ernst-Ludwig, die jeden Monat über 9000 Euro raushauen, um ihr Leben coachen zu lassen. Ohne Berater geht da nix mehr. Sogar die beiden Golden Retriever werden zwei Mal die Woche im Pfötchenparadies beim Energy-Flow psychologisch aufgebaut.
Obwohl jeder solche Typen kennt, die unter der Lupe betrachtet eigentlich in die Klapsmühle gehörten, ist in Jockel Tschierschs aktuellem Programm "Pubertät mit 50" rein gar nichts normal. Zu seinem Erstaunen erkennt der vielbeschäftigte Schauspieler und Kabarettist, dass fast alle Mitmenschen, er selbst eingeschlossen, in irgendeiner Form gerade ihre zweite Pubertät durchmachen. Unausgeglichenheit, starke Erregbarkeit und eine akut auftretende Protesthaltung sind dabei noch die geringsten Probleme.
Was Jockel Tschiersch da im BKA-Theater zeigt, ist wieder einmal großartiges One-Man-Kabarett-Theater. Er schlüpft in tausenderlei Rollen und Dialekte, spielt Szenen aus dem eigens erdachten Schundroman "Männer, Müll und ihre Entsorgung" wie die vom Schnauzer-Bernd und der Östrogen-Elvira. Oder er lässt Hitler im Billig-Discounter auf sein persönliches Stalingrad treffen. Aberwitziges, direkt aus dem modernen Leben gegriffen. Natürlich geht es dabei immer wieder um den Jugendwahn älterer Semester und ihre Midlife-Debilität. Dem 51-jährigen Jockel Tschiersch ist ein hintersinnig-böser Ideen-Marathon gelungen. Sehenswert! Unbedingt hingehen!

Gängsta im Discounter
Norbert Tefelski stellt sich pubertären Nöten

Zurück zu den Wurzeln - das heißt für Jockel Tschiersch, der in den Achtzigern Bühnenerfolge im Duo mit Ottfried Fischer feierte, nicht nur zurück zum Kabarett, sondern auch zurück in die prägendste Zeit des Lebens. In seinem sechsten Soloprogramm erlebt er die "Pubertät mit 50". Stellt fest, dass er kein altersbedingtes Prostataproblem sondern schlicht eine Pennälerblase hat. Der Youngster im Manne sieht's als Omen und schraubt an seiner Wahrnehmung, bis er die Welt wieder durch die Augen des hormongebeutelten Teenagers sieht. Daraus entsteht eine maßgeschneiderte Bühnensituation für den Derwisch Tschiersch. Ein weiteres Mal entfaltet er in unterschiedlichsten Rollen ein anarchisches Satirespektakel. Wunderbar unkorrekt rast er durch den Discounter und über den Spielplatz, schüttet Häme über "En-tie-dabbeljuhs" (new tough women) und rappende "Preußisch Gängstas" aus. Versucht zu klären, ob der Herr der Dame im Swingerclub das Du anbieten darf und ob es pubertär ist, Steuern zu bezahlen. Keine Frage: Der Mann genießt jeden Ausflug auf die Kabarettbühne als Urlaub von seinen Jobs als Hilfshelferskommissare wie beispielsweise in der Fernsehserie "Rosa Roth".
Tagesspiegel 2008