|
|
|
Kabarett - Comedy - Kleinkunst | |||||||
|
||||||||||
|
(Süddeutsche Zeitung 11.5.2004) Kabarettpreis "Paulaner Solo 2004" für Hagen Rether Der Essener Klavierkabarettist
Hagen Rether hat nach dem Jurypreis des Prix Pantheon nun auch den "Paulaner
Solo 2004" abgeräumt, der heuer zum 10. Mal vergeben wird .
Die Süddeutsche Zeitung schreibt: "Hagen Rether ist [...] eine
dieser Perlen, die jahrelang irgendwo im Verborgenen glitzerten, es nie
in die großen Häuser geschafft haben und mit einem Schlag abgehen
wie eine Rakete. Dass dieses schöne Schicksal schon öfter Preisträger
des Paulaner Solo ereilt hat, ist wohl kein Zufall. Die Auszeichnung leuchtet
aus dem Dschungel der Abertausend Kleinkunstpreise hervor, ist mit 8500
Euro ordentlich dotiert. Bester Ausweis sind die Namen der Gewinner, deren
Karrieren Zunächst kommt das zögerliche Annähern: Ein bisschen Plaudern, Zigarette drehen, Joghurt löffeln, Geduld haben. Und dann funkt und zündet es plötzlich auf der Bühne. Liebe verspricht Hagen Rether in seinem Musikkabarett, das nicht mehr ganz neu, aber nun in neuer Regelmäßigkeit zu erleben ist. An jedem 1. Mittwoch im Monat* spielt Rether, Pianist, Wort-Virtuose, Satz-Schatz-Heber, im Europahaus gegen herkömmliche Programmerwartungen an. Rether fragt eben anders: Wie kommt es, dass sich Paare nach so vielen Jahren immer noch nichts zu sagen haben? Dann verkehrt er einfach die Ausgangslage, fotografiert die Zuschauer statt umgekehrt. Verteilt Polaroids. Trägt Pumps und Perlenkette, stopft sich dazu Socken in die Hose. Und als wäre dies der Widersprüchlichkeiten nicht genug, mischt der langjährige Begleiter von Doktor Stratmann ein paar Fetzen Brahms mit Waits und Elvis, verzerrt und verfremdet, lässt kurz die Nationalhymne durchklingen. Obwohl das mit der Heimatliebe so eine Sache ist. Denn wenn Hagen Rether, gebürtiger Freiburger, heute seine Ruhrmetropole besingt, dann klingt das so: Wer Essen kennt, dem gefällt's überall. Und das ist dann noch eine der netten Zeilen dieser hinreißend-bitterbösen Heimat-Hymne, die der Essener-Möchtegern-Gesellschaft, so Rethers EMG-Übersetzung, knapp den falschen Ansatz" quittiert: Man muss die Leute beleben, nicht die Innenstadt. das Beste an Essen sei ohnehin das dichte Autobahnnetz. Und so geht's hin und her und kreuz und quer durch die satirische Landschaft. Rethers Reime gönnen sich manchmal zwar auch einen reinen Spaß an der Freud, doch lieber liefert dieser hochgewachsene Querdenker einen schrägen Beitrag zur Schieflage der Nation,eine geschickte Verstöraktion gegen allzu bequemes Mitlachen. Man muss schon genau hinhören, um nicht Schenkel-zu-klopfen, wenn gerade gegen-die-Stirn-schlagen angebracht wäre. Auf jeden Lacher folgt ein leichter Gänsehautmacher. Und wenn die Unschuld der kleinen Jessica im Kinderparadies perdu ist, wäre jeder Applaus deplaziert. Aber dazu lässt die geschickte Liebes-Reigen-Choreographie gar keine Gelegenheit. Dann überspielt Rether einfach das Schlucken, schweigt ein bisschen und schwadroniert über Hula Hoop und Hüfterlahmung, spannt ernsthaft heiter und funkelnd flunkernd seinen Handlungsbogen über MKS und SMS, Montenegro und Abtreibungspille, Samenraub und Eierdieb, bis die Assoziations-Lawine das Publikum mitreißt. Ausweichen ist zwecklos,
denn Rethers Gedanken-Fluss ignoriert die eingefahrenen Bahnen. Wie eine
wortgewandte Wiederaufbereitungsanlage der Nachrichtenlage streift er
Big Brother und BSE, Buena Vista Social Club und Viagra subversiv
und provokant, hintergründig und sprachgewandt. Herbert Grönemeyers
Männer-Hit setzt er dann ein Frauen-Lied
entgegen und beschwört zwischen Windel-Wechseln und Urlaubs-Erinnerungen
das Weißt Du noch-Dilemma, wenn Er das Ahnungs-Los zieht
und Sie das Rücksichts-Los und die Liebe mal wieder den Kürzeren.
Aber es gibt ja noch Ausflüchte aus dem Alltag, nach Kuba vielleicht,
gar nicht so libre. Wo andere mit dem Schlauchboot fliehn,
da fliegen wir mit Tui hin, reimt Rether dann hinterhältig-heiter.
Und weil er den erhobenen Zeigefinger schon fürs Klavierspielen braucht,
klingt das nicht mal nach Moralin-Moll. Dafür hat schließlich
die Liebe den Daumen drauf. Im Mai wieder. (NRZ) |
||||||||||