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Kabarett - Comedy - Kleinkunst | |||||||
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Im Zeitalter
der Baumärkte, der Blogs und der Open Stage, wo die Fähigkeiten
der Nutzer oft nicht mit ihrer Selbsteinschätzung mithalten können,
erquickt es das Gemüt, wenn man mal wieder einem Profi begegnet.
Lars Reichow war schon gut, als er vor Jahren im Windschatten von Georg
Kreisler anfing, eigene Lieder am Klavier vorzutragen. Inzwischen hat
er an Souveränität und Eigenständigkeit noch hinzugewonnen.
Was er zu sagen hat, ist nicht weltbewegend. Aber wie er es sagt
das hat Klasse. Er kann tatsächlich Klavier spielen wie Elton John
oder Konstantin Wecker, und mit seinem ein wenig an Klaus Hoffmann erinnernden
Gesang würde er auch jenseits der Kleinkunst reüssieren. Seine
gesprochenen und gesungenen Texte sind auf eine verblüffende Weise
schräg, und sein Auftritt ist auf eine angenehme Weise gelassen:
verbale Äquilibristik statt mimisch-gestischer Gewalttouren. Sprachfetzen
türmt Reichow zu Songkaskaden, und aus dem Ärger über Krümel
auf dem Frühstückstisch macht er ein Kabinettstück. Wenn
er politisch wird, bleibt er zwar an der Oberfläche. Aber die Vorstellung
vom alten Schlecker, der aus Sicherheitsgründen nicht ausgehen kann
und sich den ganzen Abend die Videos aus seinen Schlecker-Filialen anschaut,
hat es in sich. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass der Mainzer es
satt hat, komisch sein zu sollen. Dann wird er lyrisch und sogar ein wenig
melancholisch. Am Schluss wird er virtuos mit nicht enden wollenden Zugaben.
Volles Haus in der Rosenau: ein guter Beginn für das 17. Stuttgarter
Kabarettfestival. "Genau ein Jahr ist es her, dass der Mainzer Kabarettist Lars Reichow das kulturverwöhnte Hockenheimer Profi-Publikum zum Test seines neuen Programms, das zwei Monate später im Mainzer Unterhaus Premiere feierte, einspannte. Die Begeisterung, die er damals als Unterhaltungskanzler auslöste, hat inzwischen ihren vielfachen Widerhall auf zahlreichen Bühnen der Republik gefunden, und am Samstag ist Hanns Dieter Hüschs Ziehsohn erneut in die Rennstadt gekommen, um das Programm von damals in einer Update-Version erneut zu präsentieren. Klar, dass markante Stellen bekannt vorkamen, Passagen ohne Veränderung die Monate überlebt hatten. Klar aber auch zumindest bei einem Kabarettisten dieser Klasse dass noch mehr aktuelle Themen und Entwicklungen ihren Niederschlag fanden. Und das gilt nicht nur für die Wirtschaftskrise. Wenngleich er naturgegeben mit diesem Thema den Einstieg machte: Es war im Herbst, die ersten Gutachten fielen von den Bäumen, der Himmel war grau und es regnete feine Nadelstreifen, so brillierte er mit seinem ersten Lied des Abends von einer Zeit, in der die Menschen Geld klimpern hörten, wo keins mehr war, das Geräusch zurücktretender Bankvorstände zum beliebtesten Handy-Klingelton avancierte und an der Türe ein Schild hing: Finanzkrise bitte einzeln untergehen. Ein perfekter, dramatischer Auftakt für sein Wahlprogramm zwischen Benedikt und Bettvorleger, zwischen Merkel und Makel, zwischen Krümelmonster und Frauenpower. Schöngeistige Sprachbrillanz Ein Rückblick, der nach vorne schaut, Erinnerungen, die Utopien gebären sollten, das hatte der Unterhaltungskanzler im Gepäck auch in der Krise noch ein Lachen, auch im Untergang noch ein Glücklich in Deutschland auf den Lippen. Nicht leicht, wenn man richtigerweise feststellen muss, dass die Krise sich um die heruntergezogenen Mundwinkel von Merkel und Steinmeier erst gebildet hat. So schwadroniert der zigfach ausgezeichnete Klaviator über die Nichtraucherbewegung, der alleine Altkanzler Schmidt sich mit seiner Smokers-Card entgegenstemmt und unverdrossen auch an Tankstellen und in Dynamitlagern weiterraucht. Er beglückwünscht die Amis zum besten Präsidenten seit Jahrzehnten sie hatten ja vorher auch den schlechtesten seit Jahrhunderten. Dazwischen streut er eine Hymne an die unvergleichlichen, unverwechselbaren Hockenheimer Frauen, lobt im Hinblick auf die Bildungskrise das didaktisch sehr interessante Konzept der Nacktmoderatoren bei 9 live und verliert sich (vielleicht sogar einen Tick zu langatmig) in der hauseigenen Krümelproblematik als Gegengewicht zu den globalen Problemen der Welt. Genial sind Reichows tiefsinnigen Pointen, die intelligent und stets messerscharf nach teilweise sehr langer Vorbereitung mit einer chirurgischen Präzision zu treffen verstehen, dass es schon fast nicht mehr weh tut. Da stellt man sich anhand von Carla Bruni und Sarkozy, diesem Louis de Funès, der sich wie ein deutscher Wimbledon-Gewinner benimmt, Angela Merkel mit Tom Cruise am Strand von Rügen vor: Sie trägt eine dunkelgraue Badejacke mit drei Knöpfen. Über die Krise des Adels (Schwierige, teilweise schwachsinnige Verwandtschaft einfach zu viele Fitnesstrainer eingeheiratet) schwenkt der Mainzer Könner zum neuen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg unausgesprochen, ohne Häme, aber äußerst treffsicher: Frische Adlige in der Politik das ist eine gute Geschichte. So mal für ein paar Tage zum Ausprobieren. Die unerwarteten Wendungen, die grandiosen Beispiele schöngeistiger Sprachbrillanz eine große Stärke. Da wird Zumwinkel abgestempelt von der eigenen Post, man ist gespannt auf die vaduzten Gesichter, wenn wir unser Geld aus Liechtenstein abziehen. Perfekt verteilt seine Lieder: Da der reißerische Gassenhauer zur grassierenden Verfettung des Volkes (Dicke Deutsche), dort die liebevoll- melancholische Frage an den Schöpfer: Komm ich damit in den Himmel. Dazwischen der Abgesang auf unsere Glamour-Geilheit (Warum weiß ich so viel von denen, von denen ich nichts wissen will), die orgiastische Collage zwischen Öl, Gazprom und Reich-Ranicki und schließlich der krönende Vorschlag für das neue Lied der Deutschen: Wir sind die Jammertaler oben auf dem Berg. Warum nicht nach dem
Medienkanzler und der republikeigenen Trümmerfrau mal den Unterhaltungskanzler?
Einmal mehr hat Lars Reichow sein Multitalent und damit seine unangefochtene
Befähigung für die Berliner Regierungswaschmaschine bewiesen:
virtuoser Pianist, vielseitiger Sänger, feinsinniger Kabarettist."
Breit ist die
Palette seines neuen Programms. Geschickt vermischt er Politisches mit
Privatem. Wer (außer seinem Mentor Hanns Dieter Hüsch) hätte das gedacht: Dass aus diesem gutfrisierten Schwiegermuttertraum, der in Papas Band Posaune blies, einmal ein cooler Kabarett-Profi werden würde; dass dieser Mainzer Herzbube, der Anfang der 90er Jahre mit roten Ohren und etwas verloren am Klavier saß und sich zum Klaviator machte, dereinst Hallen mit 1800 Plätzen füllen würde. Dass dieser singende-swingende Prototyp des Jung-Unionisten mit knapp 44 genauso locker politische Pointen aus dem Ärmel schütteln würde wie Triolen. Und dass heute bei seinen Auftritten im Kom(m)ödchen zwei junge Frauen mit Kopftuch fröhlich lachend neben dem zünftigen rheinischen Herrenclub hocken ( Sechs Alt, ein Pils!). Der Unterhaltungskanzler Lars Reichow vereint sie alle, und vermutlich ist sein medialer Höhenflug gar nicht mehr zu bremsen: Der Sohn eines Jazzmusikers wäre nämlich der ideale Nachfolger für Heinz Schenk und ginge ebenso als (netterer) Bruder von Georg Schramms Rentnerikone Dombrowski durch: Blauer Bock und sanfter Schock: - soviel Massenkompatibilität ist ziemlich einmalig in Deutschland, dem Schubladenland. Reichows aktuelles Programm heißt Der Unterhaltungskanzler, und ist ein sehr gutes, vor allem im politischeren ersten Teil, wenn er einen Schnellkurs in kreativem Kopfschütteln gibt. Über die durchgeknallten Sarkozy-Franzosen (Egalité, Pret a porter, Sexualité) und den neuen VW Viagra, über Bifteki, das komplett im Körper bleibt und die langweiligen Fernsehabende bei Familie Lidl (immer nur öde Überwachungsvideos-puuh!), was alles stattliche und staatlich geprüfte Absurditäten sind, aber auch nicht absurder als Kochs Burka-Verbot an hessischen Schulen, wo trotz des strengstmöglichen Verbots bis heute kein Mensch Burka tragen will. Höhepunkte? Beim
Wir sind zu dick. Wir sind zu doof, wir rauchen nur noch auf dem
Hof! möchte man am liebsten laut mitsingen, und vor seiner
herrlich versponnenen, köstlichen kleinen Anti-Krümel-Philosophie
den Hut ziehen. Ja, dieser Kerl kann es sogar schamlos sentimental, aber
ich persönlich hätte mich lieber für meine Begeisterung
über Reichows Chauvi-Hymne zur Frauen Fußball-WM vor meiner
Frau geschämt: 90-60-90-2011- Hat er aber an diesem großartigen
Abend nicht gesungen. Schade. Wenn sich viele Deutsche Heidi Klum als Familienministerin vorstellen können, dann ist für den Kabarettisten Lars Reichow das Amt des Bundeskanzlers drin. Mindestens. Doch Reichow wird abwinken; es sei denn, er würde als Unterhaltungskanzler inthronisiert. Dass ihm eine Phönixhalle voll Stimmen schon mal sicher wäre, beweist die erfolgreiche Premiere seines neuen und gleichnamigen Programms in Mainz. Bis jetzt waren es immer eher politische Randbemerkungen im ansonsten kleinkünstlerisch ausgerichteten Bühnentreiben des erfolgreichen Kabarettisten. Doch der selbsternannte Barack Obama von Mombach will jetzt mehr. Und das kann er auch: Zwar ist im neuen Programm auch genügend Raum für verkrümelte Wohnungen, lesende Frauen und Familienleben. Doch schon die alles planenden Schwiegereltern entreißen dem Unterhaltungskanzler seine Richtlinienkompetenz und das Parkett der internationalen Politik lädt den charmanten Mainzer zum Tänzchen ein. Den Aufbau seines Programms hat Reichow klug gestaltet, eins ergibt sich aus dem anderen. Die Krümel auf dem Küchentisch werden zum Croissant, das zu Nicolas Sarkozy und Carla Bruni überleitet: Egalité, Prêt-à-porter, Sexualité. Eine erotisch knisternde Szene auf dem Mittelmeer lässt Reichow fragen, ob man sich das auch mit der deutschen Bundeskanzlerin vorstellen könnte: Undenkbar! Und sofort folgt die tief ausgeschnittene Version der Geschichte mit Angela Merkel - allerdings mit knackiger Ironie und ohne zu verletzen. Doch setzt Reichow seine Akzente einmal mehr auch auf nachdenkliche Betrachtung der aktuellen Lage. Wenn er sein Lied vom enttäuschten Wähler singt, hört man aus dem Beifall auch viel Zustimmung. Vaduzt wird sich des Flüchtlingsproblems der armen Reichen angenommen, und Reichow macht daraus eine an die ARD-Sportkonferenz angelehnte Radioreportage: Tor zu in Bochum und Abpfiff in der Villa Thyssen. Seine Themen geht
Reichow mit einer Mischung aus Wort und Lied, Zorn und Witz an
wieder mit gelungenen Übergängen. Rauchverbot, Gesundheitspolitik,
gewichtige Germanen und dumme Deutsche, Privatfernsehen und natürlich
Hessen: Koch wollte schon immer den Flughafen schließen,
beschreibt der Mainzer dessen plötzliches Ergrünen: Er
hat das immer nur anders ausgedrückt. Den Spagat zwischen ernster
Kritik und bester Satire schafft Reichow auch mit seiner Wahltagsrede
eines die Null-Prozent-Hürde nicht überschreitenden Politikers
im breitesten Meenzerisch, dessen Erfolg in der Partei ohne
Liste und Namen doch so etwas wie Aufbruchstimmung erzeugt. Insofern möchte
man fast behaupten, dass Reichow in der Geschichte des politischen Kabaretts
so etwas wie ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. Das finale Lied Ich
träume von einem Land lässt nicht nur das Programm noch
einmal Revue passieren, sondern birgt auch einige echte Wünsche an
das Volk und seine Vertreter. Doch Vorsicht: Wenn diese in Erfüllung
gingen, fehlten den Kabarettisten so manche Themen. Also hofft man doch
nur auf ein wenig Linderung, damit man sich auch weiterhin von Bühnenkünstlern
wie Lars Reichow unterhaltsam die Wunden lecken lassen kann. |
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