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Merkel
moderiert
Nirgendwo
wird so kultig zurückgeblickt wie im Mehringhof-Theater. Das temporäre
Ensemble nennt sich schlicht "Jahresendzeitteam" und haut nun
zum bereits fünfzehnten Mal
das ausklingende Jahr in die Kabarettpfanne. Man kennt sie aus verschiedenen
Konstellationen - zum Beispiel Bov Bjerg, der stets ein aufmerksames Auge
auf die schwäbische
Exil-Community hat, "Frühschoppen"-Pionier Horst Evers,
dem bekanntlich eine fulminante Solokarriere gelang sowie Manfred Maurenbrecher,
dessen Songs am Klavier seit langem
die Berliner Lesebühnenszene bereichern. Diese drei, als Crew des
"Mittwochsfazits" bestens aufeinander eingespielt, werden alle
Jahre wieder von zwei unverzichtbaren Kollegen flankiert.
Bemerkenswertes
parodistisches Talent beweist Hannes Heesch, der den rest des Jahres hauptsächlich
als Politikwissenschaftler verbringt. Stand er bis 2005 als Gerhard Schröder
im Mittelpunkt der Show, gibt er nun - unter anderem - einen überaus
gelungenen Guido Westerwelle. Etwa im nicht ungebrochenen freundlichen
Dialog mit Angela Merkel
alias Christoph Jungmann. Der, Improvisationstheater-Crack und Begründer
der legendären Truppe "Zwei Drittel", führt als gewohnt
charmante Kanzlerin durch den Abend.
Unter
den angekündigten Themen: Puddingfälschung bei Dr. Oetker, die
Zukunft des Papstes bei den Rolling Stones oder die Gemeinsamkeit von
Bin Laden und Gunther Sachs.
Manches kann glatt vom letzten Jahr Jahresrückblick übernommen
werden, wie die Erinnerung an das "gute alte Handwerk", als
Autos noch geklaut und nicht abgefackelt wurden.
Norbert Tefelski / Tagesspiegel - Ticket / 08.12.2011
Mehr
als nur ein Kabarett
Wie
kann man das politische Jahr 2010 treffender zusammenfassen als in dem
Beatles-Song "Hello, Goodbye"?
Soviel Abschied war nie! Köhler, Althaus, von Beust, um nur einige
zu nennen. Wer gedacht hat, der nunmehr vierzehnte "Kabarettistische
Jahresrückblick 2010"
im Mehringhof Theater hielte keine Überraschungen mehr parat, wird
vielfach verblüfft: Horst Evers chattet mit Irans Präsidenten
Mahmud Ahmadinedschad und
Nordkoreas Diktator Kim Jong-il, Manfred Maurenbrechers eingefleischter
Lichtenberger zieht nach Steglitz (!) und Bov Bjerg erklärt,
warum ausgerechnet breitestes Schwäbisch aktuell der angesagteste
Szene-Dialekt ist.
Christoph Jungmann, der mit seinem Gast-Auftritt als Roland Koch für
Furore sorgt, lässt in seiner Paraderolle als Bundes-Merkel keinen
Zweifel daran, wer die erste Frau im Staate ist.
Als freiberufliche Moderatorin gehobener Abendunterhaltung verweist Angie
den verzweifelt um die Publikumsgunst buhlenden Außenminister Guido
Westerwelle auf die hinteren Plätze. Hannes Heesch gibt den angeschlagenen
FDP-Chef mit Honigkuchen-Dauergrinsen.
Ohne Zweifel gelingt dem phänomenalen Quintett mit anarchischem Charme,
Songs und Stories mal wieder der witzigste Rückblick des Jahres.
Die Show strotzt nur so vor Höhepunkten. Bye-Bye 2010. Unter Lachtränen!
Berliner Morgenpost, Ulrike Borowzyk, 18.12.2010
Das
große Ausschlachten
Münte, Streber-Guido und die Abwrackprämie: ein kabarettistischer
Jahresrückblick im Mehringhof.
Von
Sandra Luzina 17.12.2009 / Tagesspiegel
An diesem Mann kommt in diesem Jahr keiner vorbei: "Ich will mitmoderieren!",
bekräftigt er seinen Anspruch energisch, - um gleich einen seiner
berüchtigten "Wir von der FDP"-Sätze hinterherzujagen.
Nun ist die Gastgeberin des "Kabarettistischen Jahresrückblicks"
im Mehringhoftheater ja eigentlich Angela Merkel, der Christoph Jungmann
mit Rundföhnfrisur und figurneutralem Hosenanzug einen tantenhaft-schrillen
Charme verleiht. Wenn Hannes Heesch als Guido Westerwelle auf die winzige
Bühne stürmt, um der Kanzlerin die Alleinherrschaft streitig
zu machen, dann blickt diese mit mütterlicher Milde, aber auch irritiert
auf den Aufsteiger. Merkel und Westerwelle als Gastgeber-Gespann ergänzen
einander nicht so gut wie
Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker, aber sie haben einander verdient.
Ganz
so wohl wie auf der FDP-Wahlparty scheint sich Guido im Mehringhof, dieser
Keimzelle des linksalternativen Milieus, aber nicht zu fühlen. Reflexhaft
rühmt er das
"fantastische Ergebnis der FDP" und den Kollegen von der Show-Opposition
ruft er schon mal ein mahnendes "Kommen Sie an in der Realität!"
zu.
Der
Westerwelle-Auftritt gehört zu den Höhepunkten des Abends, der
genau genommen lauter Höhepunkte präsentiert. Das Jahresendzeitteam
ist mittlerweile eine Instanz in Berlin.
Bov Bjerg, Horst Evers und Manfred Maurenbrecher, die zusammen das "Mittwochsfazit"
bestreiten, ergänzt um den Theatersportler Christoph "Angela"
Jungmann und den Parodisten
Hannes Heesch - diese fabelhaften Fünf haben sich also wieder die
absolut relevanten Themen des Jahres vorgeknöpft. Sie liefern messerscharfe
Analysen, schrauben sich in absurde Minidramen, begnügen sich oft
aber auch nur mit Andeutungen. Ein witziges Aperçu - und zack,
das Thema ist erschöpft, der Mann ist erledigt. Und da jeder aus
dem neuen Kabinett ein Kandidat für die kabarettistische Jahresendabrechung
ist, ist die Hohn- und Spott-Ökonomie bei gleichzeitigen Ironieüberschuss
eine gute Strategie.
Erst
mal muss das Wahldebakel der SPD verdaut werden, also verabreicht Angela
ihrem ersten Gast Franz Müntefering einen Magenbitter - Heesch in
einer weiteren Paraderolle. Er rollt
das R und ist auch sonst sehr diszipliniert und zackig. Münte hat
ja jetzt eine Wohnung in Kreuzberg - "ich gehe zurück in einen
Arbeiterbezirk" - er schaut aber nur auf einen Sprung vorbei. Zusammen
mit Angela hechelt er nochmals die Große Koalition durch, beide
können sich partout nicht erinnern, wie man auf 19 Prozent Mehrwertsteuer
gekommen ist.
Dann zieht der Neu-Berliner Münte weiter.
Als
ADAC-Fan Münte weg ist kann endlich auch das Thema Abwrackprämie
ausgeschlachtet werden. Für eine zu verschrottende Karre gibt es
mehr Geld als für einen getöteten Afghanen, auch die unter neun
Jahren. Berg, Evers und Maurenbrecher spielen Autoterzett: Treffen sich
in einer Kreuzberger Parkbucht ein Porsche Cayenne, ein Renault Clio und
ein Opel.
"Viagra in Chrom" beleidigt der Opel den Porsche. Der kontert:
"Du Staatshilfe-Schwuchtel". Alle schwelgen schließlich
in der Erinnerung an Zeiten, als Autos noch nicht angezündet,
sondern geklaut wurden - "gutes altes Handwerk".
Horst
Evers, begabt mit einem Blick für die Absurditäten des Lebens,
pendelt zwischen Bestürzung und Verwunderung. Nein, er schaffte es
nicht, sich gegen die Schweinegrippe
impfen zu lassen. Mit der Angst, dass ihm angesichts einer resoluten Arzthelferin
Feenflügel aus der Nase wachsen, steht er wohl allein. Auch die Guttenberg-Rhetorik
hat er drauf.
Als ihm sein Computerflagshipstore vorwirft, sein Drucker sähe aus,
als wäre er zu Boden geworfen worden, entgegnet er: "Mir haben
bei der Abgabe noch nicht alle Informationen vorgelegen. Nach heutiger
Kenntnislage würde ich die Behandlung des Druckers als unangemessen
bezeichnen."
Das
finale Udo-Jürgens-Potpourri gipfelt in "Und immer, immer wieder
geht das Stadtschloss auf". Diese fünf Herren sind keine notorischen
Miesmacher oder abkanzelnden Moralisten,
sie sind Wort-, Lied- und Vortragskünstler mit Witz, Verve und Sponti-Charme.
Mit diesem Jahresendzeitteam als Krisenbewältigungstruppe ist man
bestens beraten - und unterhalten.
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